Der Einfluss des generationellen Weltbildes auf die Erzählinstanz

21. Januar 2026

Wie neue Weltbilder die Position der Erzählinstanz beeinflusst und verändert.

Abb.1: Universität Bern 2020 Abb.2: Der Bund 2026

Weltbild und Erzählinstanz in traditioneller und moderner Literatur

Im Rahmen des Deutschunterrichts haben wir uns mit traditioneller und moderner Literatur beschäftigt. Die moderne Literatur stellte eine Gegenbewegung zur traditionellen Literatur dar. Bis ins 19. Jahrhundert waren erzählende Texte davon geprägt, die Lesenden moralisch lehren zu wollen. Zum Beispiel, indem eine Figur als gut dargestellt wird und dementsprechend belohnt wird. Dies geschah im Zusammenhang mit einem bis dahin bestehenden Menschen- und Weltbild. Gesellschaften waren klar hierarchisch geprägt und der Literatur wurde die Fähigkeit zugeschrieben, die Wirklichkeit objektiv erfassen zu können. Als Gegenbewegung entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Moderne Literatur. Die Moderne geht weder von einer festen Wahrheit, noch von einer identitätsstiftenden Funktion der Literatur aus. Das hing mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammen, die zeigten, dass die Wirklichkeit nicht von Literatur erfasst werden kann, da diese der Subjektivität unterliegt. In der Tradition gibt die Literatur vermeintlich die Wirklichkeit wieder. Das zeigt sich in einer chronologischen Handlung. Dieser Wirklichkeitsanspruch ermöglicht auch, dass Lesende dem Erzähler Vertrauen können. Die Erzählinstanz ist eine verlässliche Informationsquelle. Im Gegensatz dazu geht die moderne Literatur davon aus, dass die Literatur eben nicht fähig ist, die Wirklichkeit abzubilden. Aus dem Grund, dass Wirklichkeit immer vom Subjekt beeinflusst ist und somit nicht absolut gleich ist. In einem Text zeigt sich das z. B., indem die Handlung nicht chronologisch erzählt wird, oder dass die Erzählinstanz ihre Verlässlichkeit ablegt. Sie wird unordentlich und es gibt keine Ankerpunkte. Das kann sich darin äussern, dass der Erzähler das Geschehen bewertet, Inhalte weglässt oder gar nicht weiss. Dadurch ergibt sich für den Erzähler einen grösseren Spielraum. Für den Leser oder die Leserin ist es deswegen schwierig, der Geschichte zu vertrauen.
Als Beispiel für die Moderne haben wir den Kurztext Das Urteil von Franz Kafka gelesen. Im Text erzählt Georg viel von seinem Freund, der für die Lesenden nur aus Briefen bekannt ist. Beim Lesen aber entsteht im Verlauf des Textes eine Skepsis, ob der Freund wirklich existiert. Denn seine Existenz ist nicht überprüft, er bleibt immer nur eine Erzählung aus Briefen. Das, obwohl der Erzähler behauptet, dass es ihn gibt. Zusätzlich ist die Geschichte chaotisch erzählt. Zum Beispiel kippt das Vater-Sohn-Verhältnis plötzlich, ohne logische Erklärung. Die Erzählung entzieht sich logischen Erklärungen. So kann man sich das Ende auch nicht wirklich erschliessen. Als lesende Person fragt man sich, ob man dem Erzähler trauen könne. Das ist typisch für eine moderne Erzählung. Dadurch wird der Fokus vom Inhalt auf die Form und Sprache gelenkt.

Generationen, Weltbild und Erzählen

Der Einfluss des Weltbildes auf die Erzählinstanz zeigt sich im Vergleich verschiedener Generationen. Dabei prägen gesellschaftliche Erfahrungen und historische Entwicklungen die Vorstellung davon, was Literatur leisten soll und wie sie Wirklichkeit darstellen kann.

Ältere Generationen wie Silent und Boomer sind in der Zeit des Wandels zur Moderne aufgewachsen. Dementsprechend sind sie näher am Gedankengut dieser Zeit. Sie sind in Verhältnissen aufgewachsen, die hierarchisch und stabil organisiert waren. Autoritäten wie der Glaube, die Vaterfigur oder ein Staatsoberhaupt hatten eine wichtige Bedeutung. Dieses Weltbild spiegelt sich in einer chronologischen, nachvollziehbaren und logischen Erzählweise, wie in der traditionellen Literatur. Geschuldet ist das dem Wirklichkeitsanspruch und den vorherrschenden, klaren Strukturen. Damit einher ging eine Art Autorität des Erzählers.

Im Gegensatz dazu wachsen heutige Generationen in einer sich schnell verändernden Welt auf, die sich durch Vielfalt auszeichnet. Das Weltbild orientiert sich nicht mehr so stark an Autoritäten und Strukturen. Es existiert kein absolutes Richtig mehr, sondern vielmehr eine Bandbreite an Perspektiven. Das liegt unter anderem daran, dass der Informationsaustausch viel weitreichender ist und immer wie schneller wird. Innerhalb von Sekunden sind News aus Amerika in Europa in den Medien. Diese Masse an Informationen zeigt sich in moderner Literatur dadurch, dass die Erzählinstanz häufig subjektiv, eingeschränkt oder nicht eindeutig ist. Es ist ihr kaum möglich, alles abzudecken.  Das führt dazu, dass die Literatur nicht unbedingt ein bestimmtes, belehrendes Ziel hat, sondern Raum zur Interpretation lässt.

Zudem hat sich nicht nur das Weltbild verändert, sondern auch die AutorInnen. Während früher Texte hauptsächlich von der Oberschicht publiziert wurden, haben heute viel mehr Menschen die Möglichkeit, dies zu tun. Heute beteiligt sich eine grössere Vielfalt an Stimmen am öffentlichen Diskurs. Dieser wird so pluralistischer und kann neue Themen beleuchten. Das heisst, dass nicht nur das Weltbild die Erzählinstanz prägt, sondern gleichzeitig auch AutorInnen das Weltbild prägen. Der Einfluss ist nicht nur einseitig. 

Insgesamt zeigt sich, dass aktuelle Literatur ein Spiegelbild der Generation ist. Das lässt sich wohl auch auf andere Formen der Kunst übertragen, da diese unter anderem aktuelle Problematiken versucht darzustellen. Im Falle der Literatur zeigt sich das in dem Ausdruck des Welt- und Wirklichkeitsverständnisses in der Erzählinstanz.  Während frühere Generationen an kohärente Wirklichkeiten gebunden waren, eröffnet die moderne Literatur durch die Vielfalt der Perspektiven und die Komplexität der Welt grössere Freiräume des Erzählens. Der Leserin oder dem Leser wird dadurch eine aktivere Rolle zugeschrieben, da die Erzählinstanz keine verlässliche Orientierung bietet.