
Im Rahmen des Unterrichts haben wir uns mit der modernen Literatur beschäftigt. Dafür haben wir den Roman Radetzky-Marsch von Joseph Roth gelesen. Die moderne Literatur beschreibt eine Gegenbewegung zur traditionellen Literatur. Bis ins 19. Jahrhundert waren erzählende Texte davon geprägt, dass sie die Lesenden moralisch lehren wollten. Dies geschah im Zusammenhang mit einem bis dahin bestehenden Menschen- und Weltbild. Gesellschaften waren klar hierarchisch geprägt und man glaubte, die Literatur könne die Wirklichkeit erfassen. Als Gegenbewegung oder Kampf kam die Moderne Literatur auf. Diese Form verweigert die Wahrheit weder als festes Konstrukt noch als identitätsbildend. Da bekannt wurde, dass die Wirklichkeit nicht von Literatur erfasst werden kann, da diese der Subjektivität unterliegt, veränderte sich auch die Wirklichkeitsbildung. Dieses Strukturelement beschreibt, wie eine Erzählung die Wirklichkeit versucht einzufangen, bzw. die Wahrnehmung. In der Tradition gibt die Literatur vermeintlich die Wirklichkeit wieder. Dem entsprechend ist die Handlung zeitlich geordnet. Als Leser*in wird das Gelesene hingenommen und als richtig empfunden. Dadurch bildet die Erzählinstanz eine verlässliche Informationsquelle. Im Gegensatz dazu ist in der Moderne offen bekannt, dass die Literatur nicht die Fähigkeit besitzt, die Wirklichkeit abzubilden. Aus dem Grund, dass Wirklichkeit immer vom Subjekt beeinflusst ist und somit nicht absolut gleich ist. In einem Text zeigt sich das z. B., indem die Handlung nicht chronologisch erzählt wird. Zusammenhängend verändert sich die Erzählinstanz von einer verlässlichen zu einer unordentlichen. Ein fester Punkt in der Erzählung geht verloren. Dadurch bekommt der Erzähler viel mehr spielraum, wie er die Geschehnisse erzählt. Für den Leser oder die Leserin ist es deswegen schwierig, der Geschichte zu vertrauen.
Als Beispiel für die Moderne haben wir Das Urteil von Franz Kafka gelesen. In der Erzählung ist durchgehend von einem Freund die Rede. Im Verlauf der Geschehnisse stellt sich aber die Frage, ob dieser denn wirklich existiert. Das, obwohl der Erzähler behauptet, dass es ihn gibt. Die Geschichte ist auf eine Art chaotisch erzählt, weswegen sie an einer Stelle keinen Sinn mehr ergibt. Als lesende Person fragt man sich, ob man dem Erzähler trauen könne. Das ist typisch für eine moderne Erzählung. Dadurch wird der Fokus vom Inhalt auf die Form und Sprache gelenkt.
Der Einfluss des Weltbildes auf den oder die Erzähler*in zeigt sich heute gut anhand der unterschiedlichen Generationen. Die älteste derzeit lebende Generation ist zwar nicht zur Zeit der traditionellen Literatur aufgewachsen. Jedoch sind sie, mit Jahrgängen zwischen 1928 bis 1964, also Generation Silent und Boomer, in der Zeit des Wandels zur Moderne aufgewachsen. Dementsprechend sind sie näher am Gedankengut dieser Zeit. Hingegen die Generation Z ist in ihrem Weltbild stark modern geprägt.
Grundsätzlich besteht der Zusammenhang zwischen Literatur und Generation darin, dass Menschen mit gleichem Alter ähnliche Erlebnisse durchleben, bzw. durch ähnliche soziale, politische und historische Thematiken geprägt sind. Diese widerspiegeln sich in der Literatur wieder. Dadurch werden sie verarbeitet und kritisiert. Zusätzlich wirkt Literatur Identitätsstiftend. Bücher können das Denken und Selbstverständnis einer Generation beeinflussen.
Das Weltbild der älteren Generation kennzeichnet sich durch klare Autoritäten, sei das der Glaube, die Vaterfigur oder ein Staatsoberhaupt. Das Weltbild war gewissermassen kohärent und sinnstiftend. Die Menschen glaubten zu dieser Zeit, dass Literatur die Fähigkeit hat, Wirklichkeit einzufangen. Dementsprechend entwickelte sich auch die Erzählinstanz. Durch die strukturiert scheinende Welt wurde die Erzählinstanz eingeschränkt, da sie an die Wirklichkeit gebunden war. Das widerspiegelte sich in der Art und Weise, wie erzählt wurde. Zudem wurden veröffentlichte Texte hauptsächlich von der Oberschicht produziert. Damit sind nicht nur die Erzähler*innen, sondern vor Allem die Autor*innen, die die Texte schreiben und prägen, immer ähnlich.
Das Gegenteil davon ist die Generation Z, oder jünger. Heute leben wir in einer schnell sich verändernden Welt. Nicht, dass sie sich früher nicht verändert hätte, doch heute sind die Menschen Tag für Tag mit mehr Informationen konfrontiert, wobei der Austausch immer schneller und komplexer wird. Die Probleme der Menschen umfassen dadurch weitreichende, globale Themen. Die Welt wird komplex, unübersichtlich und verworren. Mittlerweile hat jede Person die Möglichkeit, Texte zu veröffentlichen und damit den öffentlichen Diskurs zu beeinflussen. Die Autor*innen kommen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Orten. Zusätzlich verlor die Literatur durch zum Beispiel die Relativitätstheorie auch die Funktion, Wirklichkeit abzubilden, da diese vom Subjekt abhängig ist. Eine absolute Wirklichkeit in Worte zu fassen, ist also kaum mehr möglich. Diese Veränderung des Weltbildes hat zur Folge, dass sich der Erzähler oder die Erzählerin dessen anpasst. Probleme, die in Erzählungen thematisiert werden, sind manchmal so komplex, dass es keine richtige Antwort gibt und damit die lesende Person nicht belehrt werden kann. Dadurch, dass eine Geschichte nicht die Wirklichkeit abbilden kann oder muss, ergeben sich für die Erzählinstanz grössere Spielräume, um den Text zu verformen. Als Letztes ist durch den wechselnden Autor*innen auch die Erzählinstanz so beeinflusst, dass sie nicht aus ähnlichen Sichten erzählt. Es wird ein breiteres Spektrum abgedeckt.
Insgesamt zeigt sich, dass Literatur stets ein Spiegel des generationenspezifischen Weltbildes ist und sich die Erzählinstanz entsprechend anpasst. Während frühere Generationen an kohärente Wirklichkeiten gebunden waren, eröffnet die moderne Literatur durch die Vielfalt der Perspektiven und die Komplexität der Welt grössere Freiräume des Erzählens.