Ein Blogartikel darüber, wie Sprache mithilfe von Frames funktioniert und wie Semantik die Erinnerungskultur beeinflusst.
Im Rahmen des Deutschunterrichts haben wir uns mit der Semantik beschäftigt. Unter Semantik versteht man die Lehre der Bedeutung bzw. das wissenschaftliche Untersuchen von Bedeutungen. Das heisst, dass das Wort zum Beispiel nicht einfach einen Gegenstand bezeichnet, sondern je nachdem auch noch eine weitere Bedeutung hat, eine Konnotation. In diesem Zusammenhang haben wir die Frame Semantik angeschaut. Dabei handelt es sich um eine Theorie, die annimmt, dass das individuelle Weltwissen in sogenannten Frames geordnet ist. Man kann sich das wahrscheinlich so wie Ordner in OneDrive vorstellen. Diese können sich jedoch auch überschneiden. Sie entstehen durch die gemachten Erfahrungen oder dem angesammelten Wissen und versuchen, diese auf eine Art zu organisieren. Das beeinflusst das Denken, indem aufgenommene Wörter bzw. Informationen einen passenden Frame aktivieren und damit auch andere Informationen. Das können zum Beispiel andere Wörter oder Gerüche sein.
Wir erfassen also Wörter mit dem dazu aktivierten Frame. Die Wörter, die mitaktiviert werden, werden auch semantische Relationen genannt. Das sind gegenseitige Abhängigkeiten, wie Synonyme, Bedeutungsähnlichkeiten, Gegensätze, Reihungen oder auch Mehrdeutigkeiten. Damit die andere Person die Bedeutung erfassen kann, braucht sie Kontext, im Sinne von spezifischem Welt- oder Alltagswissen. Dieser Kontext beeinflusst nämlich das Verständnis und bettet es in einen Frame ein. Je nachdem werden sonst unterschiedliche Frames aktiviert oder dem Wort wird eine andere Bedeutung zugeschrieben.

Da wir parallel zu dem Thema den Holocaust behandelten, verbanden wir die Semantik mit der NS-Sprache. Dafür haben wir einzelne Wörter angeschaut, die besonders negativ semantisch aufgeladen waren während dieser Zeit. Weiter überlegten wir, wie diese Wörter heute verwendet werden. Dafür möchte ich auf ein Wort eingehen. Der Begriff »Selektion« wurde erst vom Biologen Charles Darwin geprägt in seiner Theorie zur Entstehung der Arten. Der Begriff bezeichnet allgemein Auswahlprozesse. Während dem Holocaust wurde er jedoch das Aussortieren von Deportierten an der Rampe von Vernichtungslagern. Die SS unterschied hier zwischen Arbeitsfähigen und denen, die direkt ermordet wurden. Diese grausame Handlung, die mit Selektion bezeichnet wurde, formte die Bedeutung nachhaltig. Der Begriff aktiviert seit dem Holocaust nicht nur Frames, in denen es um Charles Darwin geht, sondern auch Verbindungen zum Holocaust. Bis heute wird er kaum verwendet, in Deutschland, und ist hoch sensibel. In der Schweiz ist er weniger stark umstritten, aber wird nicht sehr oft verwendet. Jedoch im Bildungskontext, zum Beispiel, wird er verwendet, was in Deutschland kaum vorstellbar wäre.
Während des Nationalsozialismus war der Begriff „Euthanasie“ eng mit der systematischen Ermordung von Menschen verbunden. Heute wird er, insbesondere in der Schweiz, überwiegend im Zusammenhang mit legaler Sterbehilfe verwendet. Die Bedeutung des Wortes hat sich somit stark gewandelt. Je nach Alter, Zeitpunkt und geographischer Lage unterscheidet sich diese Bedeutung. In Deutschland ist es bis heute problematisch. In der Schweiz ist es primär Fachsprache.
Ist die fortbestehende Verwendung bestimmter Begriffe ein Zeichen dafür, dass ihre historische Bedeutung in der Erinnerungskultur vergessen geht?
Wie wir gelernt haben, funktioniert unser Hirn in Frames. 1944 wurde das Wort auf Grund der Frames ganz anders kontextualisiert als es heute wird. Die damalige Gesellschaft verband damit die Ermordung lebensunwerter (aus der Sicht der Nazis) Menschen. Im Gegensatz dazu besteht heute keine reale Gefahr mehr, durch ein staatlich organisiertes „Euthanasie“-Programm wie im Nationalsozialismus bedroht zu sein. Dementsprechend bringen wir es auch nicht damit in Verbindung. In unserem Weltwissen wird dieses Wort durch andere Frames, wie eben legale Sterbehilfe, geprägt. Damit soll gemeint werden, dass die Einflussfaktoren auf das individuelle Weltbild sich geändert haben, die zugrunde liegenden Frames verändern sich. Wörter aktivieren bei Überlebenden des Holocaust nicht die gleichen Frames wie bei einer Gymnasiastin, da sich ihr Weltbild diametral unterscheidet.
Zusätzlich dazu geht viel Wissen über den Holocaust verloren. Eine Umfrage der Jewish Claims Conference zeigt, dass immer mehr Jugendliche nicht wissen, wie viele jüdische Menschen ermordet wurden, bis hin zu, dass sie nicht glauben, dass er stattgefunden hat. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass junge Menschen persönlich nicht betroffen waren oder sind und dass in Schulen zu wenig darüber gesprochen wird. Wenn in jüngeren Generationen das Wissen über den Holocaust vermehrt nicht mehr da ist, wird auch nicht die entsprechende semantische Bedeutung eines solchen Wortes aktiviert. Problematische Wörter werden unbedacht weiterverwendet, ohne Hintergrundwissen.
Folglich werden Wörter vermehrt verwendet, da andere, damit zusammenhängende Themen in den Vordergrund rücken und historisches Wissen verloren geht. Jedoch reicht Unwissen nicht zur Rechtfertigung der Verwendung. Vielmehr sollte ein bewusster Umgang gepflegt werden. Das heisst, nicht die semantische Bedeutung zu ignorieren, sondern bewusst rücksichtsvoll damit umzugehen.
Wörter verändern sich mit der Geschichte mit. Dass die NS-Sprache nicht mehr den gleichen populistischen Effekt hat, heute, ist klar, weshalb man Wörter auch wieder verwenden sollen kann. Problematisch wird er jedoch dann, wenn das historische Wissen verloren geht, das für ein reflektiertes Verständnis notwendig ist. Deshalb erfordert die Verwendung solcher Begriffe nicht nur sprachliches Feingefühl, sondern auch ein Bewusstsein für ihre historische Belastung.